Beim MP2 Business-Breakfast diskutierten Expert:innen aus Praxis, Verwaltung und Technologie über Chancen, Anforderungen und Umsetzung digitaler Barrierefreiheit. Im Fokus standen rechtliche Rahmenbedingungen ebenso wie User Experience, wirtschaftliche Potenziale und gesellschaftliche Verantwortung.
Diese Woche lud MP2 IT-Solutions in die MP2 Innovation Lounge in Wien. Unter dem Titel „Digitale Barrierefreiheit – umfänglich betrachtet“ richtete sich das Business-Breakfast an Entscheidungsträger:innen, Expert:innen und Interessierte aus Wirtschaft, Verwaltung, IT und Gesellschaft. In informeller Atmosphäre bei Croissant und Kaffee ging es um mehr als um regulatorische Anforderungen: Digitale Barrierefreiheit wurde als strategisches Zukunftsthema diskutiert, das Nutzerfreundlichkeit, Reichweite und Qualität digitaler Angebote unmittelbar beeinflusst.
Ziel barrierefreier digitaler Lösungen ist es, Inhalte und Services so zu gestalten, dass sie von allen Menschen – unabhängig von Alter, Behinderung oder individuellen Einschränkungen – selbstbestimmt und ohne zusätzliche Hürden genutzt werden können. Die Veranstaltung zeigte, dass Barrierefreiheit nicht nur rechtliche Sicherheit schafft, sondern auch neue Zielgruppen erschließt und nachhaltige digitale Strategien unterstützt.
Abbildung v.l.n.r.: Manfred Pascher (Geschäftsführender Gesellschafter MP2 IT-Solutions), Sabine Paukner (Head of UX & Design MP2 IT-Solutions), Laurenz Miller (Lead Accessibility MyAbility), Dr. Gerlinde Macho (Unternehmensführung MP2 IT-Solutions), Wolfang Kowatsch (Co-Founder & Managing Director MyAbility), Ingrid Korosec (Präsidentin Österreichischer Seniorenbund & Vorsitzende Präsidentin Österreichischer Seniorenrat), Mag. Christine Steger (Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen, Sozialministerium), Albors Askari, BSc (technischer Leiter Web- & App-Agentur von MP2), Sektionsleiter Mag. Martin Zach, LL.M (Leiter der Sektion IV – Pflegevorsorge, Behinderten- und Versorungsangelegenheiten im Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz) – (Foto: MP2)
Den Auftakt machte Wolfgang Kowatsch, Co-Gründer und Managing Director von MyAbility. Er verortete digitale Barrierefreiheit klar im Kontext gesellschaftlicher Entwicklung: „Wenn wir über ‚Zugang für Alle‘ sprechen, sprechen wir über unsere Zukunft. Das gilt umso mehr im digitalen Raum. Nur wenn alle mitmachen können, wächst etwas Starkes, Neues.“ Gleichzeitig verwies Kowatsch auf die Dimension der Zielgruppe: „Weltweit leben rund eine Milliarde Menschen mit Behinderungen, auf Österreich umgelegt entspricht das etwa einer Million. Zählt man jene hinzu, die ebenfalls von barrierefreien Angeboten profitieren, verdoppelt sich diese Zahl – ein entsprechend großes Marktpotenzial.“
Laurenz Miller, Lead Accessibility bei MyAbility, ordnete die Anforderungen aus Sicht der Praxis ein und betonte den Mehrwert über regulatorische Aspekte hinaus: „Digitale Barrierefreiheit ist nicht nur Gesetzesverordnung, sondern eine Chance – sie schafft besseren Zugang für alle Menschen, nicht nur für Menschen mit Behinderungen.“ Menschen mit Behinderungen seien zwar eine zentrale Zielgruppe, zugleich profitierten jedoch alle Nutzer:innen von verbesserter User Experience. Miller illustrierte dies mit dem sogenannten „Curb Cut Effekt“: ursprünglich für Rollstuhlfahrer:innen geschaffene Bordsteinabsenkungen erleichtern ebenso Menschen mit Kinderwagen oder Reisekoffern den Alltag. Übertragen auf digitale Angebote entstehe dadurch ein Nutzen für breite Bevölkerungsgruppen – zusammengenommen ergebe sich daraus ein Business Case und nicht bloß die Erfüllung gesetzlicher Vorgaben.
Die Perspektive älterer Nutzer:innen brachte Ingrid Korosec, Präsidentin des Österreichischen Seniorenbundes und Vorsitzende Präsidentin des Österreichischen Seniorenrates, ein: „Digitale Barrierefreiheit schafft echte Chancengleichheit. Sie ist kein Nice-to-have, sondern ein Muss, weil sie darüber entscheidet, ob Menschen teilhaben können oder ausgeschlossen werden. Es muss immer der Mensch im Mittelpunkt stehen. Die Technologie dient den Menschen und nicht umgekehrt.“ Gleichzeitig wies Korosec auf konkrete Herausforderungen hin. Schlechtes Sehen oder Hören trete bei Senior:innen vermehrt auf, insgesamt gebe es in Österreich rund 2,5 Millionen Menschen, die bereits in Pension sind. Dass ältere Menschen digitale Angebote seltener nutzen, liege meist am „Nicht-mitkommen-Können“, weshalb hier großes Potenzial in gezielter Förderung bestehe. Als Best Practice nannte sie Dänemark, wo Bürger:innen vor umfassenden Digitalisierungsmaßnahmen zwei Jahre lang geschult wurden.
Einen Überblick über die gesetzlichen Grundlagen gab Martin Zach, Sektionsleiter im Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (Leiter der Sektion IV – Pflegevorsorge, Behinderten- & Versorungsangelegenheiten). Er brachte die Wirkung von Barrierefreiheit auf den Punkt: „Von Barrierefreiheit profitieren alle – nicht nur Menschen mit Behinderungen: Für einen kleinen Teil der Bevölkerung ist sie notwendig, für viele hilfreich, für alle aber komfortabel.“
Christine Steger, Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen, unterstrich die Bedeutung für gesellschaftliche Teilhabe: „Digitale Barrierefreiheit ist eine wesentliche Voraussetzung für Gleichberechtigung, da sie allen Menschen Zugang zu Informationen und digitalen Angeboten ermöglicht. Sie fördert Inklusion, indem sie bestehende Barrieren abbaut und sicherstellt, dass auch im digitalen Raum niemand aufgrund von Behinderungen oder individuellen Einschränkungen von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen wird.“ Ihre Tätigkeit ist für die gesamte Republik Österreich im Bereich der bundesgesetzlichen Zuständigkeit angesiedelt und organisationsrechtlich im Sozialministerium verankert.
Impulse zu unternehmerischer Verantwortung und Innovation kamen von Julia Kruselburger, Mitbegründerin & CEO von Independo sowie Mitglied der Special Interest Group Accessibility in ICT im Verband Österreichischer Software Innovationen (VÖSI): „Für manche Menschen machen Technologien das Leben leichter – für andere machen sie Leben erst möglich. Als Gestalter:innen der digitalen Zukunft ist es unsere Verantwortung sicherzustellen dass genau diese Perspektiven in der Entwicklung mitgedacht und mitgestaltet werden.“
Die technische Umsetzung beleuchteten Albors Askari, Certified WebAccessibility Expert und technischer Leiter der Web- & App-Agentur von MP2 IT-Solutions, sowie Sabine Paukner, Head of UX & Design. Sie zeigten praxisnah auf, welche Aspekte bereits in der Konzeption digitaler Lösungen berücksichtigt werden sollten, und gaben Einblicke in konkrete Herangehensweisen.
Moderiert wurde das Business-Breakfast von den MP2-Gründern Manfred Pascher und Gerlinde Macho. Sie zogen ein klares Fazit: „Mit unserem Business-Breakfast möchten wir Bewusstsein schaffen und zeigen, dass digitale Barrierefreiheit viele Dimensionen hat – technisch, rechtlich, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Unternehmen, die Barrierefreiheit von Beginn an mitdenken, investieren nicht nur in Compliance, sondern vor allem in bessere Nutzererlebnisse und nachhaltigen Erfolg. Der offene Austausch zwischen unterschiedlichen Disziplinen ist dabei entscheidend, um gemeinsam inklusive digitale Zukunft zu gestalten.“