Unternehmen, die künstliche Intelligenz früh und tief in ihre Geschäftsmodelle integrieren, stehen laut einer aktuellen Untersuchung vor besonderen sicherheitstechnischen Herausforderungen. Längere Wiederherstellungszeiten nach Cybervorfällen, höhere Schäden und neue Kostenfaktoren zeigen, dass Sicherheitsarchitekturen vielerorts nicht mit dem Tempo der KI-Adaption Schritt halten.
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Marshall Erwin, CISO bei Fastly
Die schnelle Verbreitung von KI verändert IT-Landschaften grundlegend. Systeme werden komplexer, Datenflüsse dezentraler und Prozesse zunehmend automatisiert. Während diese Entwicklung neue Effizienzpotenziale eröffnet, steigt zugleich die Abhängigkeit von stabilen und widerstandsfähigen Infrastrukturen. Der aktuelle Global Security Research Report von Fastly macht deutlich, dass insbesondere sogenannte AI-First-Unternehmen die Kehrseite dieser Dynamik zu spüren bekommen.
AI-First-Unternehmen im DACH-Raum benötigen im Durchschnitt fast acht Monate, um sich vollständig von einem Cybersecurity-Vorfall zu erholen. Damit liegt ihre Recovery-Zeit um 123 Tage über jener von Unternehmen, die KI nicht als zentrales Element ihrer IT-Strategie einsetzen. Diese Verzögerung hat spürbare wirtschaftliche Folgen: Die finanziellen Schäden nach Sicherheitsvorfällen fallen bei AI-First-Organisationen um 140,5 Prozent höher aus.
Ein wesentlicher Grund dafür ist die direkte Ausnutzung von KI-Systemen. Fast die Hälfte der befragten AI-First-Unternehmen gibt an, dass KI bei ihrem letzten Sicherheitsvorfall gezielt angegriffen wurde. Bei Unternehmen ohne AI-First-Ansatz wurde dies nicht beobachtet. KI-native Architekturen erweitern damit die Angriffsfläche und erschweren klassische Absicherungsmechanismen, insbesondere durch agentische Workflows und verteilte Datenstrukturen. Marshall Erwin, CISO bei Fastly, erklärt:
„Die Geschwindigkeit, mit der KI eingeführt wird, verändert Sicherheitsinfrastrukturen nahezu über Nacht. Für AI-First-Unternehmen besteht die Priorität nicht darin, Innovation zu bremsen, sondern Sicherheit im gleichen Tempo zu modernisieren.“
Neben direkten Angriffen entstehen zusätzliche Risiken durch mangelnde Transparenz. 27 Prozent der AI-First-Unternehmen berichten, dass der Einsatz von KI zu übersehenen Sicherheitslücken beigetragen hat. Je stärker KI in operative Abläufe eingebettet ist, desto schwieriger wird es für Sicherheitsteams, den Überblick über Einsatzorte, Zugriffsrechte und Verantwortlichkeiten zu behalten.
Hinzu kommen steigende Infrastrukturbelastungen. Praktiken wie KI-Scraping verursachen zusätzliche Kosten und führen zu operativen Störungen. Für 57 Prozent der Unternehmen ist KI-Scraping bereits ein relevanter Kostenfaktor, mit durchschnittlichen jährlichen Auswirkungen von über 372.000 Euro. Darüber hinaus berichten 37 Prozent von steigenden Infrastrukturkosten, 43 Prozent von Betriebsstörungen und 36 Prozent von Beeinträchtigungen für Online-Nutzer. Erwin betont:
„Wir erleben einen grundlegenden Wandel dessen, wofür Unternehmen heute Verantwortung tragen müssen. Die Herausforderung beschränkt sich nicht mehr auf böswillige Akteure oder einzelne Sicherheitsvorfälle. Es geht vielmehr darum, eine Infrastruktur zu managen, die schnell und häufig unsichtbar wächst.“
Als Reaktion investieren Unternehmen verstärkt in neue Schutzmaßnahmen. Besonders gefragt sind Lösungen für agentische Transparenz, API-Sicherheit und Web Application Firewalls. Dennoch bleibt die Unsicherheit groß. 65 Prozent der Befragten sorgen sich um mögliche Distributed-Denial-of-Service-Angriffe auf KI-Agenten, mehr als die Hälfte sieht einen steigenden Bedarf an spezifischer KI-Security-Expertise.
„Von unüberwachter agentischer Aktivität bis hin zu steigenden Scraping-Kosten sind die Risiken real, sowohl operativ als auch kommerziell. Deshalb werden Lösungen für Web Application and API Protection zu geschäftskritischen Werkzeugen. Sie schaffen die notwendige Transparenz und Kontrolle, um Innovationen am Edge sicher zu gestalten“
Der Bericht zeichnet damit das Bild eines strukturellen Ungleichgewichts: Während KI-gestützte Innovationen weiter an Tempo gewinnen, geraten Sicherheitsarchitekturen zunehmend unter Anpassungsdruck. Für viele Unternehmen wird die Fähigkeit, wachsende und teils unsichtbare Infrastrukturen zu kontrollieren, zu einer zentralen betrieblichen Herausforderung – mit direkten Auswirkungen auf Kosten, Stabilität und Vertrauen.