Neue Forschungsergebnisse zeigen: Künstliche Intelligenz ist im digitalen Untergrund angekommen. Cyberkriminelle setzen nicht mehr auf spektakuläre Einzeltricks, sondern auf skalierbare Services, verlässliche Werkzeuge und kontinuierliche Optimierung – mit spürbaren Folgen für Unternehmen.
Foto: Trend Mirco
David Sancho, Senior Threat Researcher bei Trend Micro
Die Nutzung von KI durch Cyberkriminelle hat eine neue Reife erreicht. Was vor wenigen Jahren noch als Spielwiese für technisch versierte Einzelakteure galt, entwickelt sich zunehmend zu einem professionellen Ökosystem mit klaren Arbeitsteilungen, wiederverwendbaren Bausteinen und stabilen Einnahmemodellen. Aktuelle Analysen von Trend Micro zeigen, dass Angreifer nicht länger primär mit Neuheiten experimentieren. Stattdessen verfeinern sie bestehende Methoden, senken Kosten und setzen auf Technologien, die sich zuverlässig in Betrug, Malware-Entwicklung und Deepfake-gestützte Kriminalität integrieren lassen.
Grundlage der Untersuchung sind Auswertungen von Untergrunddiensten, Malware-Samples und realen Angriffskampagnen rund um den Jahreswechsel. Es ist bereits das vierte Update einer fortlaufenden Forschungsreihe zur kriminellen Nutzung von KI – und erstmals wird deutlich, dass viele der früheren Proof-of-Concept-Ansätze inzwischen als reproduzierbare Services verfügbar sind, die sich mieten, skalieren und ohne tiefes Spezialwissen einsetzen lassen.
Im Zentrum der Analyse steht weniger ein dramatischer Technologiesprung als vielmehr eine schleichende, kontinuierliche Weiterentwicklung. Senior Threat Researcher David Sancho beschreibt die Dynamik so:
„Für 2026 zeichnet sich kein radikaler Umbruch ab, sondern eine schleichende, kontinuierliche Entwicklung. Wir werden keine plötzliche Explosion KI-getriebener Chaos-Szenarien erleben. Stattdessen beobachten wir eine stetige, professionelle Weiterentwicklung der vorhandenen Werkzeuge. Genau diese leise, kontinuierliche Optimierung macht kriminelle Ökosysteme besonders schwer angreifbar.“
Diese Normalisierung ist zentral: Sobald KI-gestützte Techniken günstiger, berechenbarer und leichter nutzbar werden, verankern sie sich dauerhaft im gesamten Cybercrime-Ökosystem – mit entsprechend langfristigen Auswirkungen.
Zwar tauchen in einschlägigen Foren weiterhin neue „ungefilterte“ KI-Tools auf, doch die meisten verschwinden rasch wieder. Beständig sind vor allem Angebote, die auf Jailbreaks und promptbasiertem Missbrauch etablierter KI-Plattformen beruhen, anstatt eigene Modelle zu entwickeln. Kriminelle profitieren so direkt von den Skaleneffekten und Investitionen kommerzieller Anbieter. Parallel entstehen erste Malware-Varianten, die bösartigen Code über eingebettete oder entfernte KI-Abfragen erzeugen oder verändern können. Noch sind diese Ansätze praktisch limitiert – sie deuten jedoch auf anpassungsfähigere Designs hin, bei denen sich Schadsoftware von Infektion zu Infektion unterscheiden kann.
Besonders deutlich ist der Reifegrad bei Deepfake-Technologien. Werkzeuge für Face Swapping, Voice Cloning und Bildmanipulation sind heute weit verbreitet und häufig kostenlos oder sehr günstig verfügbar. Das ermöglicht neue Betrugswellen: von Identitätsmissbrauch über gezielte Unternehmensinfiltration bis hin zu virtuellen Entführungen und der Zunahme nicht einvernehmlicher synthetischer Inhalte. Für Einzelpersonen, Organisationen und das Vertrauen in digitale Identitäten hat diese Entwicklung gravierende Folgen.
Aktuell sind Verteidiger dank KI-gestützter Erkennung, Threat Intelligence und automatisierter Analysewerkzeuge noch im Vorteil. Doch dieser Vorsprung wird kleiner. Angreifer lernen zunehmend, aus denselben Technologien Mehrwert zu ziehen – oft schneller, als Schutzmechanismen flächendeckend etabliert werden können. Das größte Risiko liegt daher nicht in einer abrupten Eskalation, sondern in der schrittweisen Verankerung KI-gestützter Angriffe im Tagesgeschäft der Cyberkriminalität.
Sancho bringt die Konsequenzen für Unternehmen auf den Punkt:
„Für Unternehmen bedeutet dieser Wandel, dass KI-gestützte Angriffe als Teil des Alltags und nicht mehr als Ausnahmeerscheinung betrachtet werden müssen. Deepfake-basierter Betrug, Identitätsmissbrauch und KI-unterstützte Malware sind keine Randphänomene mehr, sondern Risiken, die in Sicherheitsstrategien, Verifizierungsprozessen und der Incident-Response-Planung fest mitbedacht werden müssen.“