Nach zwei Jahren rückläufiger Umsätze zeigt die österreichische Industrie erste Anzeichen einer Stabilisierung. Das aktuelle EY Industriebarometer für das erste Quartal 2026 verzeichnet wieder steigende Umsätze und Exporte. Gleichzeitig setzt sich der Beschäftigungsabbau bereits im zehnten Quartal in Folge fort – ein Hinweis darauf, dass die strukturellen Herausforderungen der Industrie noch längst nicht überwunden sind.
Foto: EY/Stefan Seelig
Axel Preiss, Leiter Industrials bei EY Österreich.
Die österreichische Industrie sendet erstmals seit längerer Zeit wieder positive Signale. Im ersten Quartal 2026 erzielten die produzierenden Unternehmen einen Umsatz von 94,9 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Auch die Exporte legten nach mehreren Quartalen mit Rückgängen wieder zu. Gleichzeitig bleibt der Arbeitsmarkt unter Druck: Binnen eines Jahres gingen rund 12.000 Arbeitsplätze verloren. Das aktuelle EY Industriebarometer zeichnet damit das Bild einer vorsichtigen wirtschaftlichen Erholung, die von tiefgreifenden strukturellen Veränderungen begleitet wird.
Nach zehn Quartalen mit rückläufigen Umsätzen verzeichnet die österreichische Industrie bereits das zweite Quartal in Folge wieder Wachstum. Mit einem Umsatzplus von 1,1 Prozent liegt die Branche allerdings weiterhin deutlich unter dem Niveau der Boomjahre 2021 und 2022.
Besonders positiv entwickelte sich die Automobilindustrie, deren Umsatz um 7,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal zulegte. Es folgen die Metallerzeugung und -bearbeitung (+6,6 Prozent), die Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (+6,3 Prozent), der Maschinenbau (+5,7 Prozent) sowie die Hersteller von Gummi- und Kunststoffwaren (+4,5 Prozent). Rückläufig entwickelten sich dagegen die Chemie- und Pharmaindustrie (-6,7 Prozent) sowie Papier und Pappe (-6,0 Prozent).
Für Axel Preiss, Leiter Industrials bei EY Österreich, ist die Entwicklung noch keine breite Trendwende.
„Die österreichische Industrie hat den Boden erreicht, aber noch lange nicht die Kraft, sich davon abzustoßen. Der Umsatz wächst wieder – doch das Wachstum ist schmal, ungleich verteilt und wird von einem strukturellen Beschäftigungsabbau überschattet, der sich mittlerweile über zweieinhalb Jahre zieht. Die Frage ist nicht mehr, ob die Rezession endet, sondern wie tragfähig die Erholung sein wird."
Auch zwischen den Branchen sieht Preiss deutliche Unterschiede.
„Was wir aktuell sehen, ist keine flächendeckende Trendwende, sondern eine sehr selektive Erholung. Die exportorientierten Investitionsgüterbranchen profitieren von einer leichten Belebung der internationalen Nachfrage, während sich Chemie/Pharma und Papier/Pappe in einem strukturell härteren Umfeld bewegen. Für die Standortpolitik ist das ein Warnsignal: Die Unterschiede zwischen den Branchen werden größer, nicht kleiner."
Während sich Umsatz und Exporte stabilisieren, setzt sich der Stellenabbau fort. Ende des ersten Quartals 2026 beschäftigte die österreichische Industrie rund 12.000 Personen weniger als ein Jahr zuvor. Damit sinkt die Beschäftigung bereits das zehnte Quartal in Folge.
In sechs der acht untersuchten Industriebranchen ging die Zahl der Beschäftigten zurück. Den stärksten prozentualen Rückgang verzeichnete die Textil- und Bekleidungsindustrie mit minus vier Prozent beziehungsweise 452 Arbeitsplätzen. Es folgen die Metallerzeugung und -bearbeitung mit minus 992 Stellen sowie die Elektrotechnik- und Elektronikindustrie mit einem Rückgang von 1.112 Arbeitsplätzen. Beschäftigungszuwächse meldeten lediglich Chemie/Pharma (+382 Stellen) und der Maschinenbau (+404 Stellen).
Besonders deutlich fällt der langfristige Strukturwandel in der Automobilindustrie aus. Seit dem ersten Quartal 2019 wurden dort 8.058 Arbeitsplätze beziehungsweise 20,6 Prozent der Beschäftigten abgebaut.
Für Preiss zeigt sich darin eine grundlegende Veränderung der Industrie.
„Der anhaltende Beschäftigungsabbau ist die eigentliche strukturelle Nachricht dieses Quartals. Vor allem die Zahlen aus der Automobilindustrie – jeder fünfte Arbeitsplatz wurde seit 2019 gestrichen – zeigen, wie tiefgreifend die Transformation in Teilen der österreichischen Industrie bereits ist. Wo die Wertschöpfungsketten neu geordnet werden, verändert sich das Beschäftigungsprofil dauerhaft. Das ist kein zyklisches Phänomen mehr."
Auch der Außenhandel entwickelte sich im ersten Quartal positiv. Die Exporte beweglicher Güter einschließlich elektrischem Strom stiegen auf 49,5 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahresquartal entspricht das einem Plus von 3,5 Prozent beziehungsweise 1,65 Milliarden Euro. Nach sieben Quartalen mit rückläufigen Exporten ist dies bereits das zweite Quartal in Folge mit steigenden Ausfuhren.
Wachstumstreiber waren vor allem die Exporte in die Eurozone (+4,4 Prozent) sowie in das sonstige Ausland (+8,1 Prozent). Besonders deutlich legten die Ausfuhren nach Großbritannien (+15 Prozent), in die Schweiz (+8 Prozent) und nach Deutschland (+4 Prozent) zu.
Demgegenüber brachen die Exporte in die USA um 15 Prozent beziehungsweise 539 Millionen Euro ein. Insgesamt gingen die Ausfuhren nach Amerika um 13 Prozent zurück. Auch Slowenien (-10 Prozent) und Rumänien (-4 Prozent) entwickelten sich rückläufig.
Branchenseitig erzielte die Elektrotechnik- und Elektronikindustrie mit plus 7,3 Prozent das stärkste Exportwachstum, gefolgt von Metallerzeugung und -bearbeitung (+6,9 Prozent), Gummi- und Kunststoffwaren (+6,6 Prozent) sowie der Automobilindustrie (+6,4 Prozent). Rückgänge verzeichneten erneut Chemie/Pharma (-8,3 Prozent) und die Papierindustrie (-4,8 Prozent).
Preiss sieht insbesondere die Entwicklung auf dem US-Markt kritisch.
„Das USA-Geschäft ist im ersten Quartal regelrecht eingebrochen – ein Minus von über einer halben Milliarde Euro in nur einem Quartal ist ein deutliches Warnsignal, gerade vor dem Hintergrund der handelspolitischen Debatten. Dass die Eurozone und Großbritannien diese Lücke aktuell kompensieren, ist ein Glücksfall, aber keine Strategie. Die österreichische Industrie wird ihre Absatzmärkte noch stärker diversifizieren müssen, um sich gegen geopolitische Schocks abzusichern."
Für EY sprechen die aktuellen Zahlen insgesamt für eine vorsichtige Stabilisierung der Industrie. Ob daraus ein nachhaltiger Aufschwung entsteht, hängt nach Einschätzung des Unternehmens von der weiteren Nachfrageentwicklung in Europa, der Handelspolitik der USA sowie den Kostenstrukturen am Standort Österreich ab.
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