Der europäische Start-up-Markt findet nach dem Abschwung wieder zu Stabilität zurück. Während Kapital zunehmend in größere Finanzierungsrunden fließt, verliert Österreich deutlich an Boden – und offenbart Defizite bei der Kapitalverfügbarkeit.
Foto: EY/Robert Herbst
Florian Haas, Director, Head of Brand & Growth und Head of Start-up bei EY Österreich
Der europäische Venture-Capital-Markt hat sich im Jahr 2025 in einer Phase der Neuordnung stabilisiert. Laut dem European Start-up-Barometer 2025 der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY erhielten Start-ups rund 62 Milliarden Euro Risikokapital. Damit liegt das Volumen zwar weiterhin deutlich unter den Rekordjahren 2021 und 2022, zeigt aber eine leichte Erholung gegenüber dem Vorjahr.
Gleichzeitig verändert sich die Struktur des Marktes sichtbar: Weniger Finanzierungsrunden, längere Entscheidungsprozesse und ein klarer Fokus auf größere Investments prägen das Bild.
Die Zahl der Finanzierungsrunden ging 2025 europaweit deutlich zurück. Mit 7.738 Abschlüssen wurde der fünftniedrigste Wert der vergangenen neun Jahre erreicht – ein Rückgang von 16 Prozent gegenüber 2024. Trotz dieser Entwicklung stieg das Gesamtvolumen leicht an, was auf größere durchschnittliche Ticketgrößen hindeutet.
Florian Haas beschreibt diese Verschiebung wie folgt:
„Der europäische Venture-Capital-Markt hat sich 2025 spürbar verändert. Die Zahl der Finanzierungsrunden ist rückläufig, während die durchschnittlichen Tickets deutlich steigen. Das zeigt, wie selektiv der Markt geworden ist: Investor:innen bündeln ihr Kapital, fokussieren sich stärker auf substanzielle Geschäftsmodelle und bevorzugen Unternehmen, die robuste Fundamentaldaten und klare Skalierungsperspektiven vorweisen können. 2025 war damit ein Jahr der Neuordnung und der bewussten Rückkehr zu Qualität. Kapital fließt wieder – aber unter neuen Bedingungen, mit strengeren Anforderungen und klareren Prioritäten.“
Diese Entwicklung geht mit strengeren Anforderungen an Start-ups einher. Effizienz, Kostenstruktur und belastbare Geschäftsmodelle rücken stärker in den Fokus der Investor:innen.
Inhaltlich konzentriert sich das Kapital zunehmend auf wenige Schlüsselbereiche. Künstliche Intelligenz ist 2025 der dominierende Treiber der europäischen Start-up-Finanzierung. Rund um Unternehmen wie Mistral AI oder Isomorphic Labs wurden Milliardeninvestitionen verzeichnet.
Parallel dazu gewinnt DefenceTech deutlich an Bedeutung. Unternehmen wie Helsing oder Isar Aerospace profitieren von geopolitischen Entwicklungen und steigenden Investitionen in sicherheitsrelevante Technologien. Auch ClimateTech bleibt ein zentrales Segment, getragen von Energiewende, Dekarbonisierung und industrieller Transformation.
Haas ordnet diese Entwicklung ein:
„Wenn man die großen Finanzierungsrunden des Jahres 2025 betrachtet, erkennt man einen klaren Schwerpunkt: KI, DefenceTech und ClimateTech sind die Wachstumsachsen Europas. Das Kapital fließt dorthin, wo technologische Tiefe, internationale Skalierung und langfristige strategische Relevanz zusammenkommen. Diese Verticals prägen nicht nur die aktuelle Finanzierungslandschaft, sondern werden Europas wirtschaftliche und technologische Position in den kommenden Jahren entscheidend mitbestimmen.“
Im Ländervergleich bleibt das Vereinigte Königreich der wichtigste Start-up-Standort Europas. Mit rund 19 Milliarden Euro Investitionsvolumen vereint der Markt mehr Kapital auf sich als Deutschland und Frankreich zusammen.
Deutschland folgt mit 8,4 Milliarden Euro auf Platz zwei, Frankreich mit 7,4 Milliarden Euro auf Platz drei. Gleichzeitig zeigt sich ein klarer Trend zu größeren Finanzierungsrunden und wachsender Kapitaltiefe in den führenden Märkten.
Auch im Städtevergleich konzentriert sich das Kapital stark: London bleibt mit Abstand führend – sowohl bei der Anzahl der Deals als auch beim Volumen. Paris, Berlin und weitere Metropolen folgen mit deutlichem Abstand.
Wien hingegen liegt deutlich zurück: Mit 86 Finanzierungsrunden erreicht die Stadt Platz 15, beim Volumen (179 Millionen Euro) lediglich Platz 54.
Für Österreich fällt die Bilanz 2025 schwach aus. Das Investitionsvolumen sinkt auf 253 Millionen Euro – ein Rückgang um 56 Prozent. Im europäischen Ranking fällt das Land von Platz 15 auf Platz 20 zurück.
Auffällig ist die Diskrepanz zwischen Anzahl und Größe der Deals: Mit 148 Finanzierungsrunden liegt Österreich auf Platz 13, das durchschnittliche Ticket beträgt jedoch nur rund zwei Millionen Euro und bleibt damit deutlich hinter führenden Märkten zurück.
Florian Haas analysiert:
„Österreich hat ein aktives Gründungsumfeld, aber die Kapitaltiefe bleibt weiterhin deutlich zu gering. Die Zahl der Deals ist solide, aber die Runden selbst sind viel zu klein, um international mithalten zu können. Für echte Skalierung braucht es mehr Wachstumskapital, insbesondere in späteren Phasen. Es ist kein Mangel an Ideen, sondern ein Mangel an Kapitalgröße, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit begrenzt.“
Besonders deutlich wird die strukturelle Unterfinanzierung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung: Obwohl Österreich rund 2,7 Prozent des europäischen BIP erwirtschaftet, fließen nur etwa 0,4 Prozent des Venture Capitals ins Land. Das entspricht rund 17 Prozent des erwartbaren Niveaus.
Nach dem schwachen Jahr 2025 zeigt sich zu Beginn des Jahres 2026 eine deutliche Belebung. Bereits in den ersten beiden Monaten wurden rund 200 Millionen Euro investiert – etwa 80 Prozent des gesamten Vorjahresvolumens.
Im europäischen Vergleich verbessert sich Österreich damit auf Platz 12 und zeigt eine deutlich höhere Dynamik als im Jahr zuvor.
Haas sieht darin ein positives Signal, mahnt jedoch zur Einordnung:
„Der Jahresstart 2026 ist für das österreichische Start-up-Ökosystem bemerkenswert stark ausgefallen. Das erste Quartal könnte zum stärksten seit Jahren werden. Jetzt wird entscheidend sein, ob diese Erholung nachhaltig ist und ob es gelingt, größere Wachstumsfinanzierungen künftig stärker im Land zu halten.“
Die weitere Entwicklung wird damit maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, strukturelle Defizite bei der Kapitalverfügbarkeit zu adressieren und Österreich langfristig wettbewerbsfähiger im europäischen Venture-Capital-Markt zu positionieren.
Der vollständige Bericht von EY stehet Ihnen hier zum Downlaod zur Verfügung.